„Wie oft soll ich es noch sagen? Er versteht es überhaupt nicht. Ihm ist es einfach egal! Er macht sich lustig über mich. Kein Respekt für meine Zeit, meine Worte. Er macht was er will! Mir reicht es langsam! Er würde mir am liebsten auf der Nase herumtanzen!” – solches Kopfkino geht bei Maria ab, die gerade versucht ihren kleinen Sohn in der Früh anzuziehen.

Ein negativer Gedanke nach dem anderen verstärkt ihre innere Unruhe. Maria fühlt sich allmählich immer mehr irritiert, ungeduldig und sauer. Ihr Körper wird warm, der Atem unregelmäßig. Kein Wunder, dass sie auf einmal explodiert, als ihr Sohn weiterhin nackt und singend durch das Zimmer läuft und sich nicht anziehen mag: „Dich geht meine Zeit einfach nichts an, oder?! Du hast einfach keinen Respekt vor mir!“. Sie packt ihren Sohn am Arm und zieht ihm mit Gewalt das T-Shirt über den Kopf. Ihr Sohn blickt staunend und fängt an zu weinen. Sein fragender Blick suggeriert, er weiß nicht, worum es der Mama geht.

Die Wut bei Maria wächst weiterhin innerlich. Ihr Sohn blickt mit überraschten Augen auf sie und sagt nichts. „Jetzt guck doch nicht so! Du weißt doch genau, was ich meine! Oder soll ich es dir noch einmal erklären?” Ihr Sohn überlegt kurz, was er jetzt am schlausten beantworten könnte. Hat die Mama heute einen schlechten Tag? Hat sie heute Kopfschmerzen? Ist was davor passiert und jetzt lässt sie ihre Wut bei ihm raus? Er denkt sich: „Wenn ich jetzt frage, worum es hier geht, kann ich wieder Ärger bekommen. Wenn ich weiterhin schweige, wird es nicht besser.”

Marshall Rosenberg schreibt: „Es gibt nichts, was ein anderer Mensch machen kann, um uns wütend zu machen.” und „Es sind nie die Tatsachen, die uns beunruhigen und ärgern, es sind immer unsere eigenen Bewertungen.” Wenn andere Menschen etwas tun (oder nicht tun), dann tauchen als Reaktion darauf verschiedene Gedanken in uns auf. Manchmal wird daraus ein grandioses Kopfkino mit Hauptrollen von: dem Sucher nach der Schuld, dem Ankläger, dem mysteriösen Detektiv von „es gehört sich, man soll, man muss”, der Festlegung, wer richtig und wer falsch liegt. 

Die Gedanken, die bei Maria in der Situation lebendig werden, bringen wichtige Informationen für sie: Sie zeigen ihr, welche von ihren Bedürfnissen grade erfüllt oder unerfüllt sind. Dabei gibt es keine Unterscheidung zwischen „richtigen” und „falschen” Gefühlen – sie alle sind richtig und dürfen sein. Die Wut ist in dem Fall ein wichtiges Alarmsignal für Maria. Ein Bedürfnis von ihr schreit danach, gesehen zu werden. Vermutlich weiß sie in dem Moment nicht, wie sie ihren Sohn dazu bringen kann, sich ein T-Shirt und eine Hose anzuziehen. Sie fühlt sich ratlos. Ihr Gebrüll ist ein Werkzeug der Wut, ihr Kanal, um der Umgebung zu zeigen, dass es ihr reicht und dass sie es anders möchte. Es ist durchaus möglich, dass, wenn Maria ihre Ratlosigkeit in dem Moment einsehen würde, auf das Gebrüll verzichten würde. 


Was für eine Information bringt der Satz: „Er will mir auf der Nase herumtanzen”? Ein paar Möglichkeiten:
– Vermutlich braucht sie mehr Unterstützung von ihrem Sohn, weil ihr Effektivität wichtig ist (sie möchte gleich einkaufen gehen),
– ihr warmer Kaffee wartet auf sie in der Küche – sie braucht Entspannung
– sie hat Angst vor der Zukunft: wenn ihr Sohn bereits jetzt nicht auf sie hört, was passiert, wenn er größer wird? Sie braucht Sicherheit, Zuverlässigkeit und Vertrauen,
– sie befürchtet, dass sie einen schlechten Kontakt zu ihrem Sohn hat, er reagiert nur auf ihr Gebrüll. Sie möchte mehr Wertschätzung und Verbindung.

Es kann also eine Mitteilung über verschiedene Emotionen sein, die gleichzeitig auftreten können. Leider haben wir oft im Alltag keinen Zugang zu ihnen, da wir wenig darüber sprechen. Was aber nicht angesprochen wird, wird auch nicht erlebt. Oft fällt uns schwer, andere Wort für unsere Wut als „Ich bin sauer!” oder „Mir reicht es langsam!” zu finden. Daher kommt der Eindruck, dass wir uns meistens nur ärgern. Oft höre ich bei Workshops von den Eltern, dass sie Angst haben, ihren Kindern von ihrer Ratlosigkeit zu erzählen. Sie würden dann an Autorität verlieren und Kinder würden sie dann nicht mehr ernst nehmen. Die Furcht vor der Bewertung scheint eben die Blockade zu sein, offen über eigene Gefühle zu sprechen. Für mich heißt es also, dass es gesellschaftlich zugelassen ist, sich wütend oder irritiert zu fühlen – das höre ich oft im Alltag. Da aber Ratlosigkeit oder Hilflosigkeit ein Zeichen der Schwäche sind, ist es die Wut, die uns als allererste einfällt, wenn negative Gefühle in uns aufkommen. Dabei ist die Wut ein sekundäres Gefühl, sie ist Folgerung von Gedanken und Interpretationen. Darunter liegen viele andere für uns wichtige Emotionen: Ratlosigkeit, Angst, Trauer, Scham.

Zurück zu Maria. Mit jedem weiteren Gedanken, wird ihre Hilflosigkeit verstärkt, bis sie mit Wut und Geschrei eskaliert ist. Marshall Rosenberg schreibt: „„Bewertungen sind eine Quelle von Gewalt“. Gebrüll scheint eine geprüfte Methode zu sein, um die Kontrolle wieder zu gewinnen und andere zu beeinflussen. Gleichzeitig ist es paradoxerweise, ein Zeichen, dass wir gerade Kontrolle über uns selbst verlieren, uns nicht mehr im Griff haben. 
Wie kann man dem Zustand des Kontrollverlustes vorbeugen? Es gibt verschiedene Strategien, wie zum Beispiel bis 10 zählen, tief durchatmen. Aus der Sicht der Gewaltfreien Kommunikation gibt es auch weitere Möglichkeiten, um mit sich selbst in Verbindung zu bleiben. Darüber schreibe ich nächste Woche mehr. 

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Lese den zweiten Tel der Artikelreihe „Daheim ohne Schimpfen”: „#2 Was sagt das Schimpfen über dich aus?”